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27-05-2002: Hacker für Arme
Das Urteil war lange erwartet worden: Am Montag wurde Kim Schmitz alias Kimble wegen Insidergeschäften und Kapitalanlagebetrugs zu 20 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und 100000 Euro Geldstrafe verurteilt. Das Gericht befand Schmitz für schuldig, über Insidergeschäfte mit Aktien der Firma Letsbuyit.com 1 192 751 Euro und 20 Cent ergaunert zu haben. Mehr im Kapitel "Die Akte Kim Schmitz".
Zu seiner Verteidigung fuhr Schmitz zum größten Teil nur Sprüche auf. Er sei ein "Gerhard Schröder für Arme" gewesen, behauptete Schmitz am Montag in München - frei von jedem Realitätsbezug. Er sei auf dem besten Weg gewesen, einer der zehn reichsten Männer der Welt zu werden, bis ihn übelmeinende Medien ausgebremst und ruiniert hätten. Ganz Deutschland sei auf ihn neidisch und die Medien hätten eine Hexenjagd auf ihn veranstaltet. "Ich besitze nichts mehr außer meiner Zelle in Stadelheim". Etcetera.
Zu dem Vorwurfs des Aktienhandels gab er sich naiv. Er räumte ein, dass er vorher von der Ad-Hoc-Mitteilung wußte, die zu einer Verdopplung des Letsbuyit-Aktienkurses geführt hatte. Er setzte noch eins drauf: das Geschäft sei mit dem Letsbuyit-Chef John Palmer vereinbart worden. Kim Schmitz sollte demnach tun, was er am besten konnte: die Presse und damit auch die Anleger anlügen. 50 Millionen Euro hatte Schmitz offiziell versprochen, um das Co-Shopping-Unternehmen zu sanieren. Das Geld existierte allerdings nicht, Palmer wollte nach der Aussage von Schmitz eine Atempause, um echte Investoren zu suchen. Angeblich ahnte Schmitz nicht, dass solche Geschäfte illegal sind. Da er ja nicht zur Firma gehört habe, sei er auch kein Insider gewesen. Ein wirklich bizarres Rechtsverständnis, von jemandem, der angeblich Millionen für Rechtsanwälte ausgegeben hat.
Das ergaunerte Geld habe er für eine Mega-Party in Monaco ausgegeben, so seine Aussage. In seinen Augen sieht so ein "strategisches Investment" aus. Das sei ihm jedoch von der Telebörse verdorben worden. Zwei Klagen gegen die Telebörse hat er deswegen angestrengt - eine hat er bereits verloren. Kein Wunder, dass Kim Schmitz das Geld ausging.
John Palmer, der Kim Schmitz angeblich zu illegalen Geschäften verführt hatte, lieferte zudem das zweite versprochene Aktienpaket von 7 Millionen Vorzugsaktien nicht zu den vereinbarten Bedingungen. Was also tun? Schmitz lieh es sich in der Münchner Rotlichtszene von "mit Intelligenz verschonten Zuhältern". Wahre Intelligenz findet man anscheinend nur bei Leuten, die Kredithaien ihr Geld nicht zurückzahlen.
Der "Star-Anwalt" Thomas Pfister konnte bei dieser Sachlage wohl nur wenig tun. Das Gericht entschied im Sinne des Staatsanwalts. 10000 Euro muss er innerhalb von drei Monaten an eine soziale Einrichtung zahlen, die restlichen 90.000 nach Leistungsfähigkeit, mindestens aber 1000 Euro pro Monat.
Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung muss Schmitz die durch Insiderhandel eingenommenen Gelder nicht zurückerstatten. Ihm kam zu Gute, dass die Verhandlung nicht vor einer Wirtschaftsstrafkammer verhandelt wurde. Der Kapitalanlagebetrug spielte wohl eine untergeordnete Rolle. Die Richterin und die Staatsanwältin stolperten öfter über Detailfragen. Allerdings konnte Schmitz in Sachen Insiderhandel nur anführen, dass er seinem Geschäftspartner Palmer geglaubt habe, das Geschäft sei legal. Ausserdem habe es keine Geschädigten gegeben, da nur durch seine Ursprungsinvestition das Unternehmen Letsbuyit.com noch existiert habe.
Eine ziemlich kurzsichtige Argumentation. Wenn Firmen nur noch durch kriminelle Manipulationen zu retten sind, ist das keine Rechtfertigung für Dritte, die sich daran bereichern wollen. Ansonsten hätte Schmitz das fehlende Geld auch aus einem Bankeinbuch beziehen können. Die Gewinne aus Insidergeschäften kommen keinesfalls aus dem Nichts, sondern von Anlegern. Im Fall von Letsbuyit mögen das "Zocker" gewesen sein, aber Schmitz zockte mit gezinkten Karten.
Zudem wurde der Kurssprung nicht etwa von dem tatsächlichen Investment durch Schmitz in Höhe von 1,15 Millionen Euro ausgelöst, sondern von dem Versprechen auf eine Finanzspritze von 50 Millionen Euro. Angeblich zog Schmitz die Zusage wegen seiner "Kriminalisierung" zurück. Vor Gericht gestand er die Wahrheit: ein solches Investment war niemals ernsthaft geplant.
Eine von Schmitz vielen Behauptungen an diesem Tag war, dass er sein Glück im Ausland versuchen wolle. Der angeblich finanzielle Ruin von Kim Schmitz hält ihn nicht von weiteren Ausgaben ab. Laut "Bild" verbrachte er seine erste Nacht in einem Luxushotel zum Preis von 1200 Euro.
Eine Neuigkeit aus dem Hause Letsbuyit.com. Wie die taz meldet, prüft die Firma eine Schadensersatzklage gegen Kim Schmitz.
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